Ruud Lubbers - ein Nachruf

Sonntag, 18. Februar 2018 um 15:58 Uhr Helmut Hetzel
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Mr. No Nonsens - Ruud Lubbers passed away

 

Datum     : 15.2.2018

Mr. No Nonsense: Ruud Lubbers hat die Niederlande geprägt/Zum Tode eines großen Staatsmannes/Streit mit Helmut Kohl über deutsche Wiedervereinigung

Von HELMUT HETZEL

Den Haag. Mit 34 Jahren war er Wirtschaftsminister. Mit 43 Jahren Ministerpräsident der Niederlande, der jüngste Ministerpräsident, den Holland je hatte. Der Christdemokrat Ruud Lubbers regierte mit verschiedenen Koalitionspartnern die Niederlande von 1982 bis 1994, so lange wie niemand vor ihm und bisher niemand nach ihm. Er hat die Niederlande geprägt. Er hat den Oranjestaat vor dem wirtschaftlichen Ruin gerettet.

Am Valentinstag, dem 14. Februar 2018, starb Rodolphus, Franciscus, Marie, genannt ,,Ruud‘‘ Lubbers zu Hause bei seiner Familie in seiner Heimatstadt Rotterdam im Alter von 78 Jahren. Die Niederländer trauern um ihn. Das Land hat einen großen Sohn verloren.

,,Er war der Premier meiner Jugend. Sein Tod hat mich geschockt wie viele Niederländer,‘‘ sagt der heute amtierende niederländische Ministerpräsident, der Liberale Mark Rutte, über seinen Amtsvorgänger. Er hat den Niederlanden international eine Stimme gegeben.

Großer Staatsmann

,,Er war ein großer Staatsmann und ein überzeugter Christdemokrat,‘‘ so würdigt der Christdemokrat Sybrand Buma seinen engen Parteifreund. ,,Er hat uns durch die tiefe Wirtschaftskrise in den 80iger Jahren gelotst.‘‘

Das hat Lubbers getan. Als er im Jahr 1982 Ministerpräsident wurde und die Nachfolge des Sozialdemokraten Joop den Uyl in Den Haag übernahm, da lagen die Niederlande wirtschaftlich am Boden. Den Uyl - Spitzname: Der Weihnachtsmann - hatte das Land mit seiner Big Spender-Politik ruiniert. Die Arbeitslosigkeit stieg damals monatlich um 10.000 Personen. Die Staatsverschuldung war auf über 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angestiegen. Da trat der von Jesuiten erzogene Lubbers als Regierungschef einer christlich-liberalen Regierung an. Sein Motto lautete: No Nonsense - keinen Unfug mehr. Dem studierten Ökonomen Lubbers (Erasmus Universität, Rotterdam) gelang es in den zwölf Jahren seiner Amtszeit mit einer liberalen Wirtschaftspolitik die Niederlande und die niederländische Wirtschaft zu sanieren, die hohen Staatsschulden abzubauen und wieder viele neue Arbeitsplätze zu schaffen. Als er 1994 abgewählt wurde und der Sozialdemokrat Wim Kok neuer Premier in Den Haag wurde, waren die Niederlande wirtschaftlich wieder gesund. Das ist zweifellos seine größte innenpolitische Leistung. Außerdem gelang es Lubbers, die Niederlande im Boot der Nato in der Nachrüstungsdebatte zu halten, als die Nachrüstungsgegner in Holland gegen den Nato-Doppelbeschluss mobil machten - ,,Kruisraketen - Nee‘‘ - Keine Marschflugkörper, lautete das Motto der Nachrüstungsgegner.

Streit mit Helmut Kohl - gegen Wiedervereinigung

Auch außenpolitisch spielte Ruud Lubbers im Konzert der Großen als ,,größtes der kleinen Länder‘‘ voll mit. Doch auf diesem Feld leistete er sich einen Ausrutscher, der ihn die internationale und europäische Karriere, die er ebenfalls anstrebte, kostete. Ruud Lubbers war nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 vehement gegen die deutsche Wiedervereinigung. Er spannte mit seiner Kollegin und engen Freundin, der damaligen britischen Premierministerin Margret Thatcher zusammen. Er versuchte alles, die deutsche Einheit zu verhindern. Sein Vorschlag: Eine große internationale Konferenz der UNO-Staaten in Den Haag, die über die deutsche Einheit beraten sollte. Wäre diese Mega-Konferenz zu Stande gekommen, wäre die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wohl auf den St. Nimmerleinstag verschoben worden. Der damalige deutsche Kanzler Helmut Kohl war deswegen so sauer auf Ruud Lubbers, dass er den Satz sprach: ,,So lange ich Bundeskanzler bin, wird dieser Mann kein hohes internationales Amt bekleiden.‘‘ So kam es.

Helmut Kohl verhinderte mit seinem Veto, dass Ruud Lubbers EU-Kommissionspräsident werden konnte. Helmut Kohl blockierte Lubbers, als der sich anschickte Nato-Generalsekretär zu werden. Beide Ämter bekam Lubbers nicht. Zwischen Helmut Kohl und Ruud Lubbers war eine echte Männerfeindschaft entstanden. Lubbers selbst ließ sich in einem Gespräch mit HM HetzelMedia, das ,,off the record‘‘ geführt wurde, entfallen: ,,Ich hoffe, dass Helmut Kohl nicht wieder gewählt wird.‘‘

Doch 2001 gelang Ruud Lubbers doch noch der Sprung auf ein hohes Amt in der internationalen Arena, weil Helmut Kohl nicht mehr in Amt und Würden war. Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan ernannte ihn zum Hohen Kommissar der UNO für Flüchtlinge (UNHCR). Vier Jahre lang setzte sich Lubbers voll und ganz für das Wohl der Flüchtlinge in der ganzen Welt ein. Doch dann stolperte er über eine seiner Leidenschaften. In Den Haag war der Unternehmersohn, Ökonom und Vollblutpolitiker längst als ,,Womanizer‘‘ als ein Mann, der die Frauen liebt, bekannt. Bei der UNO gefiel ihm wohl besonders die amerikanische UN-Mitarbeiterin Cynthia Brzak. Doch die mochte seine Annäherungen gar nicht und reichte bei der UNO eine Klage gegen Lubbers ein. Folge: 2005 musste Lubbers als Hoher Kommissar der UNO zurücktreten. Es war eine #metoo-Affäre avant la lettre.

Danach gab Lubbers, der aus einer steinreichen Rotterdamer Unternehmersfamilie stammt und selbst Multimillionär war, noch Vorlesungen als Ökonomie-Professor und war ein gefragter Ratgeber für viele prominente niederländische Politiker - nicht nur christdemokratische. Sie alle werden ihn vermissen. Und nicht nur sie. Bye bye Ruud.

/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag

 

 

 

 


Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 18. Februar 2018 um 15:58 Uhr